Nachtrag und neuer Wahnsinn

So, vor einer Ewigkeit habe ich angekündigt über Kanyakumari zu schreiben, das will ich jetzt endlich einmal nachholen. Fangen wir damit an, dass ich noch nie so viele Menschen unterwegs gesehen habe, die einen Sonnenaufgang sehen wollen. Kanyakumari ist ein Touristenort, vor allem für indische Touristen und im Sommer, wenn zudem Schulferien sind, explodiert einfach alles vor unendlichen Menschenmassen. Natürlich war es auch bewölkt, also hat man nicht allzu viel gesehen, aber es war trotzdem schön. Eigentlich ist der logische nächste Schritt gleich darauf ein Boot zu nehmen und damit zu dem Tempel mitten im Meer zu fahren. Dafür jedoch zwei Stunden in der prallen Sonne anzustehen schien mir doch auch nach Anus Versicherungen, dass es nicht so lange dauern würde ein etwas gewagtes Unternehmen, weshalb wir uns nur den völlig überfüllten Tempel angeguckt haben und uns dann auf den Weg zu einem alten Palast an der Grenze zu Kerala gemacht haben. Da sah es leider nicht besser aus und meinetwegen wären wir gleich wieder umgekehrt. Auch Anu hatte nicht die geringste Lust sich dadurch zu drängen, aber, wie immer, kann sie ja keine Entscheidung alleine treffen und musste ihren Bruder fragen, ob das denn auch ok ist und der liebe Arun, so gern ich ihn hab, hat ihr gesagt, dass das ja nicht sein kann, dass wir uns alles nur von außen angucken und wir sollen doch reingehen. Es war mehr stehen als gehen und ziemlich unspektakulär, weil man netterweise bis auf ein paar Betten die gesamte Inneneinrichtung entfernt hat. Wir waren danach beide völlig fertig und sind ‚nachhause‘ gefahren, wo es vor dem Mittagsschläfchen noch ein anständiges Mittagessen gab, bei dem ich mich wieder überfressen musste. Wenn ich irgendetwas in den paar Tagen da nicht war, dann ist es hungrig. Am Abend sind wir dann zum Haus von einer Tante von Anu, die gleich an der ‚Hauptstraße‘ wohnt. Dort haben wir einfach draußen gesessen und die Leute beobachtet, die vorbeigekommen sind. Da ich von den Mücken völlig zerfressen wurde, hat der Mann von der Cousine irgendwann angefangen meine Füße mit einem Fächer zu bewachen, was etwas sonderbar, wenn auch sehr lieb war. Arun hat ihn dann irgendwann darauf hingewiesen, dass das bei vorbeikommenden Leuten vielleicht weniger gut ankommt, aber so ganz lassen konnte er es bis zum Ende nicht. Naja, meine Füße danken es ihm. Einen großen Teil des Abends habe ich sehr interessante Gespräche mit Arun geführt, der wirklich offen mit mir über alles Mögliche gesprochen hat. Während wir unterwegs waren, hat die Familie einen Anruf bekommen, dass in einer Stunde die Familie einer Frau vorbeikommt, um sich Arun anzugucken. Daraufhin ist natürlich große Aufregung ausgebrochen und alles wurde vorbereitet. Die Familie macht sich wohl immer Sorgen, dass Arun zu laut äußern könnte, dass er sich einen Scheiß um Gold und schicke Autos schert, was ihn mir natürlich immer sympathischer macht. Offenbar hat er sich aber gut geschlagen, denn die Familie der Frau mochte ihn und hat angekündigt ihm am nächsten Tag die Frau vorzustellen, damit er und seine Familie eine Entscheidung treffen können. Das fand Arun gar nicht gut. Er meint, dass er ursprünglich davon ausgegangen war, auf diese Weise zu heiraten, aber nach über sieben Jahren in Deutschland kann er sich nicht mehr vorstellen jemanden zu heiraten, den er überhaupt nicht kennt. Wenn er aber dem Mädchen sagt, dass er nicht will, wird er sie verletzen, vor allem, weil die meisten Männer ablehnen, weil das Mädchen nicht hübsch genug ist. Das wollte er eben auf jeden Fall vermeiden, war aber ziemlich machtlos. Ich glaube zu dem Zeitpunkt war er wirklich noch unentschlossen, was er tun sollte. Seine Eltern lassen ihm im Prinzip, wie Anu, die Wahl, aber die meinen, er sei ja nun 30 und hatte genug Zeit zu suchen. Andererseits traut er sich in Deutschland nicht, jemanden näher kennenzulernen, also auf diese Art, weil er auf lange Sicht schon wieder nach Indien möchte und es schwierig wird eine Frau zu finden, die das mitmacht, also läuft es darauf hinaus, dass er in Deutschland bleiben müsste. Die weitere Familie ist da wesentlich traditioneller. Für die ist Arun der perfekte Schwiegersohn und die Frau, die ihn bekommt, muss auf jeden Fall reich sein und eigentlich perfekt. Aber wenn das Mädchen, welches ihm vorgestellt werden soll, so ideal ist, wie es den Anschein hat, dann muss er sich vor allen dafür rechtfertigen, dass er nicht zugestimmt hat. Eine beschissene Situation, aber mehr als zuhören und Verständnis zeigen konnte ich leider nicht. Sonntags, bevor ich gefahren bin, hat er mir dann sehr bestimmt gesagt, dass er nun allen sagen muss, dass er das nicht will und er hofft, dass einfach keiner das Mädchen mag, damit es da gar keine Diskussion gibt. Ich kann so viel verraten – man hat vermutet, dass es gesundheitliche Probleme gibt, weil die Familie unverhältnismäßig viel geboten hat, daher waren ohnehin alle dagegen und Arun hat Glück gehabt, was mich für ihn sehr freut und mir für sie sehr leid tut.

Irgendwann am Abend haben Anu und Neha, ihre putzige Großcousine, mich auf einen Spaziergang zur Kirche geschleppt, die praktisch gleich gegenüber von dem Haus ist, vor dem wir saßen. Es ist Wahnsinn, wie viele Menschen da übernachtet haben. Hunderte haben ihr Nachtlager in und um die Kirche herum aufgeschlagen, einfach Bastmatten oder Decken auf den Boden gelegt und unter freiem Himmel geschlafen. Anu meinte noch, sonst wären es viel mehr Menschen gewesen. Vor einer Statue von Michael war eine kleine Grünfläche, auf der sich einige Leute sehr sonderbar verhalten haben – sie haben wirre Laute von sich gegeben, sich die Haare gerauft, auf den Boden geschmissen etc. So wie Anu das erklärt hat klang es, als wären das einfach Menschen, die psychische Probleme haben, Depressionen oder starke familiäre Schwierigkeiten, die auf diese Weise gelöst werden sollen. Im Gespräch mit Arun hat sich nachher herausgestellt, dass es wirklich geistig behinderte Menschen sind, die vor diese Statue gebracht werden, um geheilt zu werden. Menschen aus ganz Indien bringen ihre kranken Kinder her, um sie von St. Michael heilen zu lassen. Viele setzten sie wohl anschließend auch dort aus, weil sie eine Belastung für die Familie sind. Anscheinend gab es da zwischenzeitlich richtig Probleme, weil unzählige geistig behinderte Menschen durch die Straßen gelaufen sind und die Menschen verschreckt haben. Offenbar dürfen die nicht eingesperrt werden, also waren die Leute im Dorf irgendwann verzweifelt, weil die manchmal eben auch etwas angriffslustig sind. Wie genau das Problem gelöst wurde, weiß ich nicht. Ich vermute, dass die Kirche sich dessen angenommen hat, als ich da war, bestand das Problem auf jeden Fall nicht mehr. Der Höhepunkt des Festes ist ein nächtlicher Umzug, bei dem Statuen von Heiligen auf Wagen durch den Ort gezogen werden. Das ziehen wird von Menschen übernommen, die die Unterstützung der Heiligen und Gottes brauchen. Wird ihnen diese Hilfe gewährt, werden sie im kommenden Jahr Tee und Kekse in der Menge verteilen, denn der Umzug geht nur sehr langsam voran und dauert trotz der kurzen Strecke bis morgens um 6 Uhr, dann fängt der Gottesdienst an. Da sind Tee und Kekse schon ganz hilfreich. Für den Umzug sind wir auf das Dach vom Haus eines anderen Onkels umgezogen, das direkt an der entsprechenden Straße steht. Den Abschluss bilden oben erwähnte Menschen, die von einigen Aufpassern unter Kontrolle gehalten werden, sich aber teilweise über den Boden rollend, kriechend oder auf eine andere selbstgewählte Art fortbewegen. Das ist wirklich völlig verrückt und zugleich unglaublich deprimierend!

Sonntag musste ich meinen Aufenthalt in Kanyakumari wegen der FRRO frühzeitig abbrechen und wurde mittags von Anu und ihrer Familie in einen Bus gesetzt, den sie auch noch unbedingt bezahlen mussten. Ich habe sogar noch 100 Rupies für einen Tee während der Fahrt in die Handgedrückt bekommen. Das Geld für die Fahrt habe ich zum Glück von SPS wiederbekommen, weil die ja doppelt bezahlt wurde (Zug für den nächsten Abend war gebucht und bezahlt!). Anu wollte sich schon weigern das Geld dann anzunehmen, aber ich habe darauf bestanden und am Ende hat sie endlich eingewilligt.

Dieses Wochenende haben wir die anderen Springer-Interns in Pune besucht, was auch sehr schön war. Ich würde aber um nichts in der Welt mit denen tauschen wollen. Zum einen Leben die in Magarpatta City, einem Firmenkomplex, in dem hauptsächlich westliche Unternehmen und deren Mitarbeiter untergebracht sind. Das ist eine westliche Bubble mitten in Indien. Das Büro von denen ist so leise, keiner redet ein Wort, während bei uns ständig geplaudert und getratscht wird. Es wirkte so steif bei denen und ich bin wirklich dankbar für unsere entspannte Atmosphäre und unsere wunderbaren Kollegen. Die tun sich da offenbar viel schwerer wirklich Freundschaft mit den indischen Kollegen zu schließen, während wir gefühlt mit dem gesamten Büro befreundet sind und auch außerhalb des Büros gerne etwas mit denen unternehmen. Außerdem hat Springer uns immer erzählt, SPS würde uns jede Freiheit nehmen und uns über die Maße kontrollieren, wie überfürsorgliche Eltern – es stellt sich heraus, dass die in Pune Springer tatsächlich ständig auf dem Laufenden halten müssen, wo sie sind, wenn sie am Wochenende wegfahren, während wir vielleicht mal Arun Bescheid sagen, wohin wir fahren (wenn überhaupt) und sonst nichts. Wir haben da mittlerweile gar nichts mehr zu klagen und für die Pune-People war es völlig normal ständig berichten zu müssen. Obwohl alle vier liebe Leute sind, ist dir Gruppendynamik bei denen nicht so toll. Sie unternehmen nicht viel zusammen und kommen auch nur so semi-gut miteinander aus. Unsere Gruppe hingegen ist wirklich toll, wir verstehen uns alle super, auch wenn man natürlich mal von irgendwem genervt ist. Wir unternehmen gerne was zusammen und haben eigentlich gar keine Probleme miteinander.

Pune selbst, also das indische Pune ist ein hübsches, kleines 5 Millionen Einwohner Städtchen mit einer sehr hübschen Altstadt, durch die wir von der Pune-Julia eine kompetente Führung bekommen haben. Wir waren im Shaniwar Fort, im Agarkhan Palace, in dem Gandhi gefangen war und in dem viele seiner Freunde und Verbündeten, inklusive seiner Frau, gestorben sind und haben die Abende sehr westlich auf einem sehr coolen Konzert, bei Bier und gutem Essen verbracht. Alles in allem war es ein sehr schönes Wochenende. Bilder folgen heute Abend, da bin ich gerade zu faul zu, außerdem muss ich in nicht allzu ferner Zukunft ins Büro, diese Woche bin ich in der zweiten Schicht…

29.5.17 08:16

Letzte Einträge: 🙈🙈🙈🙈🙈, Endspurt, Panik und emotionale Krisen

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