Eine andere Sichtweise auf arrangierte Ehen

Hallöchen ihr Lieben,

dieses Wochenende war aus naheliegenden Gründen stark geprägt vom Thema arrangierte Ehen und ich denke, auch wenn noch immer kein Freund davon bin, zu verstehen, was daran Positives zu sehen ist.

Freitag bin ich wie geplant mit Anu nach Trichy gefahren. Der liebe Stau hat dafür gesorgt, dass wir über drei Stunden verspätet angekommen sind, was unsere Planung leicht durcheinander geworfen hat, da es dann zu spät – oder besser gesagt zu heiß – war, um noch etwas zu unternehmen. Übernachtet haben wir im Kloster von St. Anthony, umsonst. Anus Tante ist eine Nonne in Coimbatore und eine Niederlassung ihres Ordens ist in Trichy. Sie hat also da angerufen und dafür gesorgt, dass wir dort übernachten konnten. Theoretisch hätten wir auch jederzeit da essen können, das haben wir allerdings nur am ersten Mittag, kurz nach der Ankunft, in Anspruch genommen. Die Leute dort waren unglaublich lieb, aber eigentlich haben wir sie sehr wenig zu Gesicht bekommen. In Trichy ist es noch einmal heißer als in Chennai (hier haben wir letzte Woche zwischenzeitig schon die 40°C geknackt), daher kann man mittags eigentlich nichts Besseres tun als nichts zu tun. Wir haben die Zeit für einen Mittagsschlaf genutzt und weil und alle versichert haben, dass es nach Tanjore nur eine Stunde ist, haben wir uns damit Zeit gelassen. Bei unserer Auskunft über die Busse hat man allerdings irgendwie vergessen zu erwähnen, dass die zwar an dem Konvent vorbefahren, aber gar nicht so bald anhalten. Wir mussten also doch erstmal mit dem Bus zur nächsten größeren Haltestelle fahren. Auf dem Weg dahin wurde uns versichert, dass es besser ist in den Zug umzusteigen, weil der Bahnhof näher an dem Tempel ist, den wir besichtigen wollten. Die Auskunft war nicht falsch, aber die gute Frau konnte natürlich auch nicht vorhersehen, dass der Zug pünktlich einfahren und dann eine Stunde in der Station stehenbleiben würde. Zum Glück hatten wir Sitzplätze mitten in einer Runde fröhlicher Inderinnen. Sehr beeindruckt hat mich eine etwas ältere Frau, die uns erzählt hat, dass sie mit 15 verheiratet wurde. Offenbar war sie damit nicht sonderlich glücklich – wer kann es ihr verübeln – denn ihre Reaktion auf meine Antwort, dass ich 28 und unverheiratet bin, sogar nicht die Absicht habe das bald zu ändern, war doch etwas anders als von indischen Frauen gewohnt. Normalerweise gucken die dann zwischen leicht entsetzt bin ein wenig neidisch, aber die hat das einfach richtig gefeiert und uns sicher eine halbe Stunde lang erzählt, dass wir nicht so bald heiraten sondern das Leben genießen und unseren Spaß haben sollen. Ich weiß nicht genau, was in ihrer Ehe schiefgelaufen ist, sie hat eine unglaubliche Kraft und Vitalität ausgestrahlt und wirkte eigentlich gar nicht unglücklich, aber so toll wird es wohl nicht gewesen sein. Das war natürlich schon der erste Anstoß zum Thema. Dadurch kam raus, dass die Mutter einer gemeinsamen Freundin getrennt von ihrem Mann lebt. Da hat es wohl überhaupt nicht geklappt. Natürlich sind sie noch immer verheiratet, aber Menakshi würde jetzt gerne heiraten und hat ihre Mutter wohl auch schon mehrfach darum gebeten einen Mann für sie zu suchen, aber die ist von der Ehe so abgeschreckt, dass sie das nicht tut. Ehe ist für viele Mädchen hier einfach eine Lösung, wenn sie nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen oder zuhause Probleme bestehen. Anu selbst hat nach ihrem Studium auch die Absicht gehabt zu heiraten, ist dann aber doch zu Verstand gekommen, denn die Mutter hatte einen Mann für sie gefunden, der allerdings eine gewaltige Mitgift haben wollte und darauf bestanden hat, dass sie erst einen guten Job findet. Der eigentlich logische Schluss war, dass Anu gesagt hat, wenn sie so viel Geld und einen guten Job hat, wofür soll sie dann heiraten? Bei dieser Einstellung ist sie bisher geblieben, sie weiß aber auch, dass sie in vier Jahren heiraten muss, dann ist sie 28 und wenn sie danach noch unverheiratet ist, gibt es Gerede… Aber für den Moment haben wir es dabei belassen und haben uns den Tempel angeguckt, der von Rajaraja I erbaut wurde und Siva gewidmet ist.

Sonntagmorgen habe ich mich um sieben aus dem Bett gequält, während Anu schon seit über einer Stunde wach war und Sachen gemacht hat. Wir sind dann aber recht schnell los, weil wir möglichst viel von der weniger heißen Zeit nutzen wollten. Als erstes sind wir zum Rock Fort gegangen, einem Hügel in bzw. auf dem zwei Tempel stehen, wobei ich als Nicht-Hindu in den Haupttempel nicht reindarf. Von oben hatte man allerdings eine ganz nette Aussicht über die Stadt. Ziel Nummer zwei war der Srirangam, der Vishnu in der Form von Ranganatha gewidmet ist, Ziel Nummer drei der Brahmmapureeswarar, in dem ich meinen ersten Elefanten dieses Jahr gesehen habe, dicht gefolgt vom zweiten, an dem wir mit den Bus auf dem Weg zum vierten Tempel vorbeigefahren sind, der allerdings so voll war, das nichts zu machen war, zumal wir ja noch weiter nach Madurai fahren wollten. Genau das haben wir dann auch gemacht und wurden dort von einer erfreuten Varsavi erwartet.

Nach einer kurzen Pause bei ihr zuhause sind wir gleich weiter ins Haus ihres Onkels, wo es heiß her ging. Varsavais Familie ist sehr traditionell. Ihre Schwester wurde letztes Jahr verheiratet und scheint damit auch glücklich zu sein, ihre Cousine ist gerade mitten in der Vorbereitung für ihre Verheiratung. Dabei habe ich gelernt, dass auch die Ehevermittlung immer moderner wird, denn man fragt zwar immer mal in der Nachbarschaft herum, aber ansonsten findet man einen Mann im Internet. Eine sehr bekannte Seite, über die auch Varsavis Familie die Männer sucht, ist https://www.matrimony.com/ - vielleicht hat ja jetzt jemand von euch Lust bekommen. Am Sonntag wurde ein Ritual durchgeführt, bei dem der Priester die Namen der Verlobten und deren männlichen Vorfahren sowie das Datum schriftlich festhält und vorliest, wodurch der Termin offiziell wird. Es waren also große Teile beider Familien anwesend, die mich gleich adoptiert haben. Es war sehr cool Anu dabei zu haben, denn sie konnte mir alles erklären, was gerade passiert und hat als mein Sprachrohr fungiert, wenn bei der Familie das Englisch versagt hat. Außerdem hat sie mir im Zweifelsfall gesagt, wie ich etwas richtig mache bzw. was falsch ist. Wie das bei indischen Familien so ist, wurde ich zu jeder einzelnen Person nachhause eingeladen und auch zur Hochzeit im Juli werde ich erwartet, worauf ich mich wirklich freue.

Es war sehr angenehm, dass sich Varsavis Eltern keine unnötigen Umstände meinetwegen gemacht haben. Wir haben einfach alle drei nebeneinander auf Decken auf dem Boden geschlafen, ohne dass jemand einen Kommentar dazu gemacht hätte. Die einzige kleine Unsicherheit bei ihnen war die Frage, ob für mich ein indisches Bad oder Klo in Ordnung ist. Auch da war Anu super, die fragt mich bei sowas nämlich gar nicht mehr, sondern versichert denen überzeugend, dass das völlig in Ordnung ist.

Montag sind wir morgens in den nächsten Tempel gegangen. Dieser ist Lord Muruga gewidmet, dem verrückten Bruder von Ganesha, dessen Anhänger sich daran erfreuen sich selbst an Haken aufzuhängen. Der Kerl ist mir nicht sympathischer geworden, als ich gesehen habe, dass er auch Blutopfer verlangt. Das Opfer selbst habe ich zum Glück nicht gesehen, aber ein Schild, das den Leuten erzählt, wo sie ihre Tiere angeben können.

Den Nachmittag haben wir bei Varsavis Schwester verbracht, die vor fünf Monaten ein Kind bekommen hat und daher vorübergehend bei ihren Schwiegereltern wohnt, damit diese ihr helfen können. Ihr Mann ist noch in Chennai und kommt nur immer wieder am Wochenende vorbei. Wie immer hat alles viel länger gedauert, als mir lieb gewesen wäre, vor allem weil wir erst noch eine Parade angesehen haben, bei der die Statuen von Meenakshi und anderen durch die Stadt getragen werden, angeführt von einem Kamel und einem Elefanten. Vier Elefanten in zwei Tagen. Da wir aber so spät weggekommen sind, musste ich doch in die General Shift gehen statt wie geplant in die Frühschicht…

Um aber nochmal auf das Thema Ehe zurückzukommen – die Voraussetzungen, die ein Partner bezüglich Kaste und so weiter erfüllen muss, sind gewaltig und die Mädels haben ja kaum die Gelegenheit jemanden kennenzulernen. Trotzdem sollen sie mit spätestens 28 Jahren heiraten und Scheidung ist nicht drin. Die Eltern haben aus eigener Erfahrung vermutlich mehr Ahnung davon, mit welchem wildfremden Mann eine Ehe vielleicht funktionieren könnte und da es ja auch nur darum geht überhaupt zu heiraten, weil das von einem erwartet wird und man mit jemandem, den man vielleicht auf den ersten Blick mag, aber niemals Gelegenheit haben wir vor der Hochzeit richtig kennenzulernen, ist eine arrangierte Ehe auch nicht schlechter als jemanden zu heiraten, den man kaum kennt. Ist das verständlich? Ich meine mit unserem Hintergrund, wenn man sich vorher kennenlernen und zusammenleben kann, ist das natürlich Blödsinn, aber das ist hier ja nicht möglich – entweder heiraten oder nichts. Unter diesen Umständen ist es doch auch nicht schlechter irgendjemanden zu heiraten, den die Familie ausgesucht hat, als jemanden, den man zwei Wochen mega toll findet und dann gar nicht mehr.

Naja, ich mach hier mal Schluss, der Eintrag ist schon lang genug und ich habe dieses Wochenende wirklich viel gelernt.

3.5.17 19:06

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