Panik und emotionale Krisen

Hallo meine Lieben,

das Ende rückt mit riesigen Schritten näher, heute in zwei Wochen sind wir wieder zuhause. Im Büro gibt uns keiner mehr Aufgaben, das heißt ich kann die Zeit nutzen um Bewerbungen zu schreiben, an meiner Masterarbeit zu arbeiten und Französisch zu lernen – und vor allem um sehr viel mit den lieben Kollegen zu quatschen. Außerhalb des Büros geraten wir alle in Freizeitstress und Panik vor der Zukunft. Wir suchen fast alle einen Job, haben alle bis auf eine das Angebot in Heidelberg zu arbeiten abgelehnt und haben noch nichts gefunden, was wir stattdessen machen könnten. Dabei haben wir immer weniger Zeit uns um die Zukunft zu kümmern, weil wir jetzt mit allen Kollegen noch etwas unternehmen wollen und Last-Minute-Einkäufe machen. Immer diese Sachen, für die man am Anfang noch so viel Zeit hatte und dann keine mehr… Unsere zwei Dutchies sind jetzt im Urlaub und kommen auch wirklich ganz knapp vor unserem Rückflug wieder. Von denen sehen wir also nicht mehr viel. Sonia hat sich im Office schon von allen verabschiedet, weil sie den letzten Tag, den sie im Büro sein sollte, eher bei der FRRO verbringen wird. Heute gehen wir einkaufen, wenn Daniela noch rechtzeitig aufwacht und dann kommen Freunde zum Reibekuchen kochen vorbei – einer von unseren Kollegen steht seit seiner Zeit in Deutschland voll auf Reibekuchen und will die schon lange mal machen. Morgen bin ich bei Anu, Montag kommen Anu und Menakshi, Dienstag Kino, Mittwoch FRRO und Dinner mit Kollegen, die auch vor unserem Abschied in den Urlaub fahren, Donnerstag ist noch frei, Freitag wollen wir Arun und Priyanka noch zum Essen einladen, Samstag Cricket, Sonntag Brunch im Leela und Kaffeeklatsch mit Kollegen, Montag Pondi, Dienstag weiß ich noch nicht sicher, Mittwoch fällt mir gerade nicht ein, Donnerstag letzter Tag im Office und vermutlich Dinner mit den Managern, auf das wir alle keine große Lust haben, Freitag Rückflug.

Gestern hatten wir unsere letzte Stunde Deutschunterricht und es wurde noch sehr rührend. Isabel und ich haben ein Geschenk bekommen und alle haben sich nochmal bedankt, einige wollen sogar die Prüfung machen und ich hoffe sehr, dass sie das schaffen. Anschließend sind drei Mädels noch zurückgeblieben, um  noch ein paar Fotos zu machen und dann fängt die eine an zu reden – wie toll unser Unterricht war, so gute Lehrer hatte sie noch nie, das ist das erste Mal, dass sie wirklich Kontakt zu den Interns hatten, etwas über deutsche Kultur gelernt haben und sie fanden es so toll auch über uns persönlich etwas zu erfahren und uns kennenlernen zu können… Wenn wir mal wieder nach Chennai kommen, sollen wir uns melden und dann machen wir ein großes Get-Together. Das kam so aus dem tiefsten Herzen, man hatte den Eindruck, das musste einfach mal gesagt werden. Isabel hat angefangen zu weinen und ich habe auch extrem mit den Tränen gekämpft. Das war schon wahnsinnig emotional. Am Ende bekommen die alle noch eine dicke Umarmung, auch wenn sie dann vor Schock in Ohnmacht fallen! Auf die noch kommenden Abschiede freue ich mich gar nicht, aber zum Glück sehen wir ja einige in Deutschland wieder und andere bewerben sich gerade.

Aber natürlich freue ich mich auch auf zuhause – Trinkwasser zuhause, nicht so schwül, keine stinkenden Abflussrohre, kein Chennai Traffic, meine eigenen Klamotten und natürlich alle Leute, die ich jetzt schon wieder viel zu lange nicht gesehen habe.

Bis ganz bald also!

5.8.17 07:51, kommentieren

 Harry, neues Hundebaby in Sullia

 

 Hyderabad mit Daniela

 

27.7.17 15:50, kommentieren

Endspurt

Und wieder ist eine ganze Weile seit dem letzten Eintrag vergangen. Jetzt sind es noch knapp drei Wochen, bis wir wieder nach Deutschland zurückkommen. Die Zeit ist wie immer unglaublich schnell vergangen. Seit dem letzten Eintrag gab es keine Woche, in der wir nicht irgendwo auf Reisen waren, ab jetzt bleiben wir in Chennai, ausgenommen vielleicht von Tagesausflügen. Aber eigentlich ist dafür kaum noch Zeit, weil schon wieder so viel geplant ist.

Auch wenn es mir hier noch immer sehr gut gefällt, freue ich mich auch schon auf zuhause. Einigen von uns hat es so gut gefallen, dass sie länger bleiben wollten, leider war SPS der Organisationsaufwand zu viel und wir müssen alle im August wiederkommen. Ich denke, ich spreche nicht nur für mich, wenn ich sage, dass uns die letzten Wochen ein wenig durch die Sorge um die Zukunft verdorben werden. Fast alle von uns schreiben gerade zahllose Bewerbungen. Springer hat einigen, inklusive mir, eine Stelle in Heidelberg angeboten, die bisher jedoch alle abgelehnt haben. Nur eine hadert noch mit sich. Natürlich ist das eine Chance – ein einfach bekommener Job, den man ja nicht für ewig machen muss, einen aber aus diesem grauenhaften Status als Berufsanfänger rausholt. Aber wir konnten uns alle nicht mit dem Gedanken abfinden, in Heidelberg zu wohnen, auch nicht für ein Jahr. Für mich kommt natürlich noch Johan dazu – Wien und Heidelberg sind ja nicht gerade nah beieinander. Ich hoffe einfach mal, dass ich möglichst bald eine positive Rückmeldung auf meine endlosen Bewerbungen bekomme.

Sobald ich wieder da bin, fängt im Prinzip auch schon die Wohnungssuche an. Johan und ich gönnen uns eine Woche in Italien, im Haus seiner Eltern, dann geht es schon zur Suche nach Wien. Ich freue mich wirklich darauf, wenn diesen Schweben im Nichts ein Ende hat.

Auch im Büro sind viele auf Jobsuche. Für uns mag SPS ja recht entspannt sein, aber die indischen Mitarbeiten werden wirklich hemmungslos verarscht. Mal abgesehen davon, dass die Samstag arbeiten müssen, aber keine Arbeit haben, weil in Deutschland nun einmal keiner am Samstag arbeitet und daher alles, was von Autoren und Springerkollegen in Deutschland abhängt, bis Montagnachmittag warten muss. Wenn die Kollegen mehr als 5-10 Minuten (je nach Schicht) verspätet kommen, wird ihnen einer von den ohnehin wenigen Urlaubs- und Krankheitstagen abgezogen. Neuerdings wurde ein Fingerabdruckscanner zum ein- und austragen eingeführt. Wir haben uns geweigert einem privaten indischen Unternehmen unsere Fingerabdrücke zu geben und sind damit durchgekommen. Das könnten sich die Kollegen natürlich nicht leisten. Zudem gibt es gerade einen gewaltigen Streit im PM-Team. Die Leute haben stark für freie Samstage gekämpft, weil die eben mit Deutschland kommunizieren müssen. Jetzt wird ständig mit Verlegung des Teams in einen anderen Stadtteil oder gleich eine andere Stadt gedroht und das Management versucht alles um die Leute gegeneinander aufzustacheln. Außerdem werden gerade immer weniger Leute mit hohem Deutschniveau eingestellt, weil es ja vorgefertigte Templates gibt. Die helfen allerdings nur in den wenigsten Situationen und die Verantwortlichen müssen trotzdem noch zahlreiche Mail selbstständig schreiben. Dafür reicht A2 oder auch B1 einfach nicht aus. Ich bin mal gespannt wie das alles weitergeht.

Wir versuchen jetzt alle die letzten Tage zu genießen. Samstag fahre ich mit einem Freund an den Strand, Sonntag gibt Alannahs Freund, ein sehr lieber Inder, der mal für Chennai Heritage Trails gearbeitet hat, eine historische Stadttour durch Chennai. Gratis natürlich. Nächstes Wochenende bin ich mit Anu verabredet, die will mir zum Abschied unbedingt einen Sari schenken, der gekauft werden muss. Dann ist schon nur noch ein Wochenende übrig. Samstag gehen wir zum Cricket ins Stadion, das wird sicher lustig. Einen Tag wollen wir noch nach Pondicherry fahren, ein bisschen shoppen und den Strand genießen – da kann man nämlich tatsächlich schwimmen gehen.

So, da wir uns ja bald wiedersehen und ich dann alles gleich richtig erzählen kann, mache ich für heute mal Schluss und hoffe, dass ich in den nächsten Wochen nochmal eine ruhige Minute zum Schreiben finde.

Ganz liebe Grüße aus Chennai! Ich freu mich auf euch!

27.7.17 15:46, kommentieren

Sushidinner

 

 

 

On the road

 

Happy familiy

 

 

Tretboot fahren

 

 

 

Rainy Season

 

 

 

 

 

Tempel in Madurai

 

 

21.6.17 08:03, kommentieren

🙈🙈🙈🙈🙈

Schande über mein Haupt, dass ich so lange nicht geschrieben habe. Ich war zwei Wochenende hintereinander zuhause, was nicht heißt, dass es ruhig gewesen wäre. Wir hatten einen Sushiabend, der zu einer Party ausgeartet ist, haben noch mehr Leuten das Schwimmen beigebracht, eine offizielle Party, die vom Complex Manager gecrasht wurde und weitere lange Sitzungen bei der FRRO.

Die guten Neuigkeiten zuerst, wir haben unsere Residential Permit und dürfen jetzt ganz offiziell bleiben, nur leider auch ohne Genehmigung der FRRO nicht mehr ausreisen. Wir haben zwar schon jede Menge Horrorgeschichten von Leuten gehört, die aus den bescheuertsten Gründen nicht mehr ausreisen dürfen, aber im Grunde gibt es keinen Anlass zu glauben, dass wir da Probleme bekommen werden.

Seit wir hier sind haben wir Spaß dabei das Walross zu beobachten – einen ziemlich dicken älteren Inder, der gerne im Pool plantscht, ziemlich speziell schwimmt und sich gerne mit dem Gesicht nach unten im Wasser treiben lässt. Als wir vor nun fast drei Wochen Arvind das Schwimmen beibringen wollten, mussten wir leider bemerken, dass das kein Einzelfall ist, sondern die offizielle Art hier zu schwimmen. Stellt euch Kraulen vor, aber anstatt die Beine unter Wasser zu lassen, ziehen die Leute hier sie bis an den Hintern an und platschen dann einmal richtig schön auf das Wasser, was natürlich gewaltig spritzt und ehrlich gesagt ziemlich anstrengend ist. Unser lieber Freund Tangaraj, der seiner eigenen Aussage nach Schwimmen kann, kam in den Pool und wollte uns zeigen, wie gut er schwimmt. Das hatte zur Folge, dass Daniela und ich uns ziemlich schockierte, verstohlene Blicke zugeworfen haben und unser Besten geben mussten, um ihn nicht merken zu lassen, was wir denken. Auch konnte er sich nicht auf dem Rücken treiben lassen, sondern hielt die umgekehrte Version für völlig normal. Wir haben uns dennoch erstmal Arvind und Anu, die spontan dazugekommen ist, gewidmet und sehr erfreuliche Fortschritte gemacht. Wir waren aber alle sehr beeindruckt, dass Tangaraj, der nicht die geringste Aufmerksamkeit für sich beansprucht hat, nur durch zuhören und zugucken Brustschwimmen gelernt hat und auch langsam lernt sich auf dem Rücken treiben zu lassen. Alles in allem war es ein sehr lustiger, aber auch erfolgreicher Nachmittag, gefolgt von der Sushiparty.

Unsere letzte Party fing so gut an, super organisiert und tolle Gäste. Gegen neun kam dann leider ein Anruf von Arun, der uns erzählt hat, dass der Complex Manager sich beschwert hat, dass wir hier eine Party mit Alkohol schmeißen. Er hat gedroht alle Namen an das Management von SPS weiterzugeben, wenn nicht innerhalb einer halben Stunde alle weg sind. Für uns ist das alles kein Problem, wir haben keine Konsequenzen zu fürchten, unsere Kollegen aber umso mehr. Die werden da von SPS ziemlich unter Druck gesetzt und wenn da bekannt wird, dass die Alkohol trinken, was nicht einmal alle tun, gibt es ziemliche Probleme. Also haben wir innerhalb von Minuten den Plan entwickelt uns am Strand zu treffen, haben alle Inder vorgeschickt und haben selbst alles an Alkohol, was wir besorgt hatten, in unauffälligen Flaschen zu mischen, damit wir das mitnehmen können. Schließlich hatten wir einen wirklich schönen Abend am Strand, der um zwölf von der Polizei aufgelöst wurde, die jeden Abend um diese Zeit am Strand entlang fährt und alle Leute nachhause schickt. Wir haben die Party unter uns dann zuhause noch bis vier Uhr fortgesetzt. Insgesamt war das alles also keine Katastrophe, sondern trotzdem ein netter Abend. Der Held des Abends ist Arun, der sich mehrfach entschuldigt hat, dass er unsere Party zerstört hat und meint, wir sollen ihm das nächste Mal vorher Bescheid sagen, dann sorgt er dafür, dass sich keiner beschwert - das bedeutet, dass Geld den Besitzer wechseln wird. Der ist zum Glück voll auf unserer Seite und ein super Kerl!

Letztes Wochenende waren wir – inoffiziell mit Arun – in Kodaikanal, einer Hill Station eine Nachtfahrt von hier entfernt, die von britischen Missionaren gegründet wurde und nun ein Paradies für indische Touristen ist. Arun hat eine kleine Hütte am See für uns alle organisiert und einen von SPS gesponserten Kleinbus, Bier für uns besorgt und sich um alles gekümmert. Samstag haben wir dann mit dem Bus die Tour zu den verschiedenen Sehenswürdigkeiten gemacht, die in dem starken Nebel sehr mysteriös und ziemlich gut aussahen. Sonntag waren dann die typisch indischen Touristenbeschäftigungen angesagt: Tretboot fahren auf dem See und dann eine Runde mit dem Fahrrad um den See. Sieben Kilometer, wem das zu weit ist, der kann nach der Hälfte einfach umkehren und zurückfahren . Arun hatte von Samstagabend einen ziemlichen Kater, er hat ja schließlich auch bestimmt zwei Bier getrunken. Seine Frau, die er zu dem Ausflug mitgebracht hat und die sehr lieb ist, hat immer erzählt, er hat Magenprobleme – daran habe ich keinen Zweifel, aber die Ursache ist schon eindeutig. Sehr niedlich. Also haben wir nachmittags Pause gemacht und dann die Kricketschläger ausgepackt. Ich habe die Kameraführung übernommen, aber so ganz hat glaube ich noch immer keiner die Regeln verstanden. Alles was wir glaubten verstanden zu haben wurde durch das desaströse Spiel gegen Pakistan, das wir teilweise angeguckt haben, wieder zunichte gemacht. Montag waren wir noch im Meenakshi Tempel in Madurai, den ich schon beim ersten Mal in Indien besucht habe, dann mussten wir leider wieder zurück.

Im Büro läuft alles wie immer. Ich habe meinen ersten Titel veröffentlicht, die meiste Zeit habe ich wenig zu tun, aber dafür kann ich seit dieser Woche die Le Monde auf dem Computer lesen, was den größten Teil meiner Zeit in Anspruch nimmt. Nächstes Wochenende fahre ich mit ein paar Kollegen nach Vellore, ein Tagesausflug. Alle weiteren Wochenenden sind auch schon ausgebucht, die letzten zwei Monate werden sehr schnell vergehen, aber das sind die ersten vier ja auch. Bald sehen wir uns schon wieder. Bis dahin versuche ich mal wieder häufiger zu schreiben…

21.6.17 07:27, kommentieren

Agarkhan Palace - hier war Gandhi eingesperrt und viele seiner Freunde und Unterstützer, inklusive seiner Frau, sind hier gestorben. Das kann man sich kaum vorstellen, denn eigentlich ist das ein sehr schöner Ort!

 

 

 

Shaniwar Wada, das Fort von Pune.

 

 

 

Party People

30.5.17 06:08, kommentieren

Nachtrag und neuer Wahnsinn

So, vor einer Ewigkeit habe ich angekündigt über Kanyakumari zu schreiben, das will ich jetzt endlich einmal nachholen. Fangen wir damit an, dass ich noch nie so viele Menschen unterwegs gesehen habe, die einen Sonnenaufgang sehen wollen. Kanyakumari ist ein Touristenort, vor allem für indische Touristen und im Sommer, wenn zudem Schulferien sind, explodiert einfach alles vor unendlichen Menschenmassen. Natürlich war es auch bewölkt, also hat man nicht allzu viel gesehen, aber es war trotzdem schön. Eigentlich ist der logische nächste Schritt gleich darauf ein Boot zu nehmen und damit zu dem Tempel mitten im Meer zu fahren. Dafür jedoch zwei Stunden in der prallen Sonne anzustehen schien mir doch auch nach Anus Versicherungen, dass es nicht so lange dauern würde ein etwas gewagtes Unternehmen, weshalb wir uns nur den völlig überfüllten Tempel angeguckt haben und uns dann auf den Weg zu einem alten Palast an der Grenze zu Kerala gemacht haben. Da sah es leider nicht besser aus und meinetwegen wären wir gleich wieder umgekehrt. Auch Anu hatte nicht die geringste Lust sich dadurch zu drängen, aber, wie immer, kann sie ja keine Entscheidung alleine treffen und musste ihren Bruder fragen, ob das denn auch ok ist und der liebe Arun, so gern ich ihn hab, hat ihr gesagt, dass das ja nicht sein kann, dass wir uns alles nur von außen angucken und wir sollen doch reingehen. Es war mehr stehen als gehen und ziemlich unspektakulär, weil man netterweise bis auf ein paar Betten die gesamte Inneneinrichtung entfernt hat. Wir waren danach beide völlig fertig und sind ‚nachhause‘ gefahren, wo es vor dem Mittagsschläfchen noch ein anständiges Mittagessen gab, bei dem ich mich wieder überfressen musste. Wenn ich irgendetwas in den paar Tagen da nicht war, dann ist es hungrig. Am Abend sind wir dann zum Haus von einer Tante von Anu, die gleich an der ‚Hauptstraße‘ wohnt. Dort haben wir einfach draußen gesessen und die Leute beobachtet, die vorbeigekommen sind. Da ich von den Mücken völlig zerfressen wurde, hat der Mann von der Cousine irgendwann angefangen meine Füße mit einem Fächer zu bewachen, was etwas sonderbar, wenn auch sehr lieb war. Arun hat ihn dann irgendwann darauf hingewiesen, dass das bei vorbeikommenden Leuten vielleicht weniger gut ankommt, aber so ganz lassen konnte er es bis zum Ende nicht. Naja, meine Füße danken es ihm. Einen großen Teil des Abends habe ich sehr interessante Gespräche mit Arun geführt, der wirklich offen mit mir über alles Mögliche gesprochen hat. Während wir unterwegs waren, hat die Familie einen Anruf bekommen, dass in einer Stunde die Familie einer Frau vorbeikommt, um sich Arun anzugucken. Daraufhin ist natürlich große Aufregung ausgebrochen und alles wurde vorbereitet. Die Familie macht sich wohl immer Sorgen, dass Arun zu laut äußern könnte, dass er sich einen Scheiß um Gold und schicke Autos schert, was ihn mir natürlich immer sympathischer macht. Offenbar hat er sich aber gut geschlagen, denn die Familie der Frau mochte ihn und hat angekündigt ihm am nächsten Tag die Frau vorzustellen, damit er und seine Familie eine Entscheidung treffen können. Das fand Arun gar nicht gut. Er meint, dass er ursprünglich davon ausgegangen war, auf diese Weise zu heiraten, aber nach über sieben Jahren in Deutschland kann er sich nicht mehr vorstellen jemanden zu heiraten, den er überhaupt nicht kennt. Wenn er aber dem Mädchen sagt, dass er nicht will, wird er sie verletzen, vor allem, weil die meisten Männer ablehnen, weil das Mädchen nicht hübsch genug ist. Das wollte er eben auf jeden Fall vermeiden, war aber ziemlich machtlos. Ich glaube zu dem Zeitpunkt war er wirklich noch unentschlossen, was er tun sollte. Seine Eltern lassen ihm im Prinzip, wie Anu, die Wahl, aber die meinen, er sei ja nun 30 und hatte genug Zeit zu suchen. Andererseits traut er sich in Deutschland nicht, jemanden näher kennenzulernen, also auf diese Art, weil er auf lange Sicht schon wieder nach Indien möchte und es schwierig wird eine Frau zu finden, die das mitmacht, also läuft es darauf hinaus, dass er in Deutschland bleiben müsste. Die weitere Familie ist da wesentlich traditioneller. Für die ist Arun der perfekte Schwiegersohn und die Frau, die ihn bekommt, muss auf jeden Fall reich sein und eigentlich perfekt. Aber wenn das Mädchen, welches ihm vorgestellt werden soll, so ideal ist, wie es den Anschein hat, dann muss er sich vor allen dafür rechtfertigen, dass er nicht zugestimmt hat. Eine beschissene Situation, aber mehr als zuhören und Verständnis zeigen konnte ich leider nicht. Sonntags, bevor ich gefahren bin, hat er mir dann sehr bestimmt gesagt, dass er nun allen sagen muss, dass er das nicht will und er hofft, dass einfach keiner das Mädchen mag, damit es da gar keine Diskussion gibt. Ich kann so viel verraten – man hat vermutet, dass es gesundheitliche Probleme gibt, weil die Familie unverhältnismäßig viel geboten hat, daher waren ohnehin alle dagegen und Arun hat Glück gehabt, was mich für ihn sehr freut und mir für sie sehr leid tut.

Irgendwann am Abend haben Anu und Neha, ihre putzige Großcousine, mich auf einen Spaziergang zur Kirche geschleppt, die praktisch gleich gegenüber von dem Haus ist, vor dem wir saßen. Es ist Wahnsinn, wie viele Menschen da übernachtet haben. Hunderte haben ihr Nachtlager in und um die Kirche herum aufgeschlagen, einfach Bastmatten oder Decken auf den Boden gelegt und unter freiem Himmel geschlafen. Anu meinte noch, sonst wären es viel mehr Menschen gewesen. Vor einer Statue von Michael war eine kleine Grünfläche, auf der sich einige Leute sehr sonderbar verhalten haben – sie haben wirre Laute von sich gegeben, sich die Haare gerauft, auf den Boden geschmissen etc. So wie Anu das erklärt hat klang es, als wären das einfach Menschen, die psychische Probleme haben, Depressionen oder starke familiäre Schwierigkeiten, die auf diese Weise gelöst werden sollen. Im Gespräch mit Arun hat sich nachher herausgestellt, dass es wirklich geistig behinderte Menschen sind, die vor diese Statue gebracht werden, um geheilt zu werden. Menschen aus ganz Indien bringen ihre kranken Kinder her, um sie von St. Michael heilen zu lassen. Viele setzten sie wohl anschließend auch dort aus, weil sie eine Belastung für die Familie sind. Anscheinend gab es da zwischenzeitlich richtig Probleme, weil unzählige geistig behinderte Menschen durch die Straßen gelaufen sind und die Menschen verschreckt haben. Offenbar dürfen die nicht eingesperrt werden, also waren die Leute im Dorf irgendwann verzweifelt, weil die manchmal eben auch etwas angriffslustig sind. Wie genau das Problem gelöst wurde, weiß ich nicht. Ich vermute, dass die Kirche sich dessen angenommen hat, als ich da war, bestand das Problem auf jeden Fall nicht mehr. Der Höhepunkt des Festes ist ein nächtlicher Umzug, bei dem Statuen von Heiligen auf Wagen durch den Ort gezogen werden. Das ziehen wird von Menschen übernommen, die die Unterstützung der Heiligen und Gottes brauchen. Wird ihnen diese Hilfe gewährt, werden sie im kommenden Jahr Tee und Kekse in der Menge verteilen, denn der Umzug geht nur sehr langsam voran und dauert trotz der kurzen Strecke bis morgens um 6 Uhr, dann fängt der Gottesdienst an. Da sind Tee und Kekse schon ganz hilfreich. Für den Umzug sind wir auf das Dach vom Haus eines anderen Onkels umgezogen, das direkt an der entsprechenden Straße steht. Den Abschluss bilden oben erwähnte Menschen, die von einigen Aufpassern unter Kontrolle gehalten werden, sich aber teilweise über den Boden rollend, kriechend oder auf eine andere selbstgewählte Art fortbewegen. Das ist wirklich völlig verrückt und zugleich unglaublich deprimierend!

Sonntag musste ich meinen Aufenthalt in Kanyakumari wegen der FRRO frühzeitig abbrechen und wurde mittags von Anu und ihrer Familie in einen Bus gesetzt, den sie auch noch unbedingt bezahlen mussten. Ich habe sogar noch 100 Rupies für einen Tee während der Fahrt in die Handgedrückt bekommen. Das Geld für die Fahrt habe ich zum Glück von SPS wiederbekommen, weil die ja doppelt bezahlt wurde (Zug für den nächsten Abend war gebucht und bezahlt!). Anu wollte sich schon weigern das Geld dann anzunehmen, aber ich habe darauf bestanden und am Ende hat sie endlich eingewilligt.

Dieses Wochenende haben wir die anderen Springer-Interns in Pune besucht, was auch sehr schön war. Ich würde aber um nichts in der Welt mit denen tauschen wollen. Zum einen Leben die in Magarpatta City, einem Firmenkomplex, in dem hauptsächlich westliche Unternehmen und deren Mitarbeiter untergebracht sind. Das ist eine westliche Bubble mitten in Indien. Das Büro von denen ist so leise, keiner redet ein Wort, während bei uns ständig geplaudert und getratscht wird. Es wirkte so steif bei denen und ich bin wirklich dankbar für unsere entspannte Atmosphäre und unsere wunderbaren Kollegen. Die tun sich da offenbar viel schwerer wirklich Freundschaft mit den indischen Kollegen zu schließen, während wir gefühlt mit dem gesamten Büro befreundet sind und auch außerhalb des Büros gerne etwas mit denen unternehmen. Außerdem hat Springer uns immer erzählt, SPS würde uns jede Freiheit nehmen und uns über die Maße kontrollieren, wie überfürsorgliche Eltern – es stellt sich heraus, dass die in Pune Springer tatsächlich ständig auf dem Laufenden halten müssen, wo sie sind, wenn sie am Wochenende wegfahren, während wir vielleicht mal Arun Bescheid sagen, wohin wir fahren (wenn überhaupt) und sonst nichts. Wir haben da mittlerweile gar nichts mehr zu klagen und für die Pune-People war es völlig normal ständig berichten zu müssen. Obwohl alle vier liebe Leute sind, ist dir Gruppendynamik bei denen nicht so toll. Sie unternehmen nicht viel zusammen und kommen auch nur so semi-gut miteinander aus. Unsere Gruppe hingegen ist wirklich toll, wir verstehen uns alle super, auch wenn man natürlich mal von irgendwem genervt ist. Wir unternehmen gerne was zusammen und haben eigentlich gar keine Probleme miteinander.

Pune selbst, also das indische Pune ist ein hübsches, kleines 5 Millionen Einwohner Städtchen mit einer sehr hübschen Altstadt, durch die wir von der Pune-Julia eine kompetente Führung bekommen haben. Wir waren im Shaniwar Fort, im Agarkhan Palace, in dem Gandhi gefangen war und in dem viele seiner Freunde und Verbündeten, inklusive seiner Frau, gestorben sind und haben die Abende sehr westlich auf einem sehr coolen Konzert, bei Bier und gutem Essen verbracht. Alles in allem war es ein sehr schönes Wochenende. Bilder folgen heute Abend, da bin ich gerade zu faul zu, außerdem muss ich in nicht allzu ferner Zukunft ins Büro, diese Woche bin ich in der zweiten Schicht…

29.5.17 08:16, kommentieren

22.5.17 16:30, kommentieren

22.5.17 16:14, kommentieren

Ein indischer Geburtstag

Hallo ihr Lieben,

erst einmal vielen Dank für die vielen lieben Glückwünsche! Ich habe mich sehr gefreut. Ich hatte einen wunderbaren Geburtstag hier. Freitag im Büro hat sich alles sehr schnell rumgesprochen und es waren alle super lieb. Ich hatte ja gehofft um peinliche Dinge herumzukommen, aber das hat nicht ganz funktioniert. Zum Schichtwechsel hin wurde ich ganz gemein in den Konferenzraum getrickt, wo es das erste Lied und einen großen Schokoladenkuchen gab. Für einen indischen Kuchen war der auch echt lecker, offenbar hat Daniela Arun und Priyanka gesteckt, dass wenig Sahne und wenig süß eine gute Idee wäre und Arun hat das dem Bäcker weitergegeben, der das tatsächlich auch gemacht hat. Ganz Indian Style kannte ich die Hälfte der Menschen im Raum natürlich nicht, aber die andere Hälfte war mir darum umso lieber. Der erste Bissen wird einem offenbar traditionell von jemandem in den Mund gesteckt, dessen hat sich Harpreet angenommen, plötzlich hatte ich Kuchen im Mund. Unser kleiner Teufel von Mentorin, Priyanka, hat mal wieder gezeigt, dass sie nichts als Unfug im Kopf hat und hat Daniela dazu angestiftet mir den Kuchen ins Gesicht zu schmieren, jeder auf einer Seite. Die ganze Creme dabei versucht einen aber auch geradezu. Zwei meiner Deutschschüler haben mir sogar ein Geschenk gemacht, einen sehr hübschen Kalender aus Holz. Aber offenbar habe ich alles falsch gemacht, was man so falsch machen kann – ich habe mir nicht extra ein Geburtstagskleid geholt, ich bin nicht groß Essen gegangen, ich habe für Freitag nichts Großes geplant…Abends sind dann die Mädels alle zum Anstoßen rübergekommen und wir haben ganz entspannt Probetrinken von Danielas Bowle gemacht. Dazu gab es eine unglaublich niedliche selbstgemachte Karte und ein Shopping-Gutschein für Fab India, ein sehr teures, aber auch sehr cooles Geschäft hier, in dem es sehr hübsche Sachen gibt, die auch nicht die übliche indische Qualität haben. Daniela hat mich schon mehrfach gequält und mich zum Shoppen mitgenommen, aber bisher konnte ich weitgehend wiederstehen – jetzt kann ich loslegen. Die singende Blume, die auf dem nächsten Kuchen war, singt seit Freitag durchgehend „Happy Birthday“ und ist trotz mehrerer Lagen Kissen noch immer zu hören.

Die eigentliche Party war am Samstag und ein voller Erfolg. Ich habe den ganzen Tag in der Küche gestanden, Chili sin Carne und Kartoffelsalat gemacht. Tamil, der selbst keinen Alkohol trinkt, hat mich netterweise zum Alkoholshop gefahren und hat für mich eingekauft, weil das als Frau in diesen Shops so eine Sache ist. Mega lieb! Ab sieben ging es dann los. Ich war echt sehr positiv überrascht, dass auch einige liebe, aber sehr traditionelle Kollegen aus dem AC-Team gekommen sind. Es war so niedlich, als eine von denen plötzlich unglaublich kichernd zu mir kam und um einen kleinen Becher Bier gebeten hat, die trinken ja sonst nicht. Für die eigentliche Party waren allerdings eher andere verantwortlich. Meine liebe Anu, die schon die ganze Zeit mal mit mir trinken wollte, war nach kürzester Zeit ziemlich betrunken und hing wie verrückt an Tamil. Damit war meine Aufgabe für den Abend klar – Anu vom Alkohol und so weit wie möglich von Tamil fernhalten, damit der die Party auch ein bisschen genießen kann. Leider habe ich ziemlich versagt. Sobald ich mich einmal umgedreht habe, hat irgendwer ihr wieder was gegeben und sie hat alles immer gleich in einem Zug getrunken, damit ich sie nicht davon abhalten kann. Von Tamil war sie einfach gar nicht loszukriegen, also habe ich mich mehr damit abgefunden, ihn nicht mit ihr allein zu lassen. Wir haben beide stundenlang versucht sie ins Bett zu stecken, aber Anu wär nicht Anu, wenn sie nicht ihren eigenen Kopf hätte. Gegen zwei hat Tamil ihr dann erzählt er sei so müde und wolle ins Bett, aber er könne nicht fahren, solange sie wach ist und plötzlich geht sie völlig von selbst ins Bett. Wir haben beide ziemlich doof geguckt und konnten erst nicht glauben, dass sie wirklich auch da bleibt, aber es hat wirklich funktioniert. Am nächsten Morgen hatte sie dann allerdings so einen Kater, dass sie den Deutschunterricht (ja, jeden Sonntag um 8h!) geschwänzt hat. Natürlich habe ich auch ein bisschen Köln hergebracht und alle damit unterhalten, wie ich Karneval feiere. Es war auf jeden Fall ein sehr schöner Abend!

Das Aufräumen am Sonntag war natürlich weniger toll, aber auch das haben wir überstanden und ansonsten war der Tag ziemlich entspannt.